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EIN ROMAN ÜBER DIE ZEITLOSIGKEIT

Prof. Simeon Janev

„Plazenta“ von Emil Krastev ist ein Kurzroman über eine lange Zeitlosigkeit, in der irgendwelche Menschen arbeiten oder so tun, als ob sie arbeiten würden, ihren morgentlichen Kaffee trinken und sich abendlich betrinken, mittaglichen Sex mit der Frau des unterstellten Mitarbeiters treiben, den ihnen aber ihr kleines Kind versaut, weil es aus dem Zimmer nebenan kommt und Märchen vorgelesen bekommen will.

„Plazenta“ ist eine kafkaeske Geschichte in bulgarischer Variante und in einem osteuropäischen Kontext aus dem Ende des Jahrhunderts eingebettet. Hier wollen die Figuren nicht in ein imaginäres Schloß, sondern vegetieren in einem undurchschaubaren Unternehmen, das in Sinnlosigkeit erstarrt ist und unbändige und allumfaßende (vom Pförtner bis zum größten Chef) Unzufriedenheit produziert, welche mit kurzen Liebschaften, nostalgischen Erinnerungen an unausgelebte Kindheiten und besten Vorsätzen für ein sinnvolles Leben geheilt wird.

Der Roman bedient sich einer mikroskopischen Optik auf einem mikroskopisch vergrößerten Alltag, in dem große Ambitionen und begrenzte Fähigkeiten, hohes Selbstbewusstsein und gefühllose Chefs und Vorgesetzte aufeinanderprallen. Der Mittelpunkt des Romans wandert von einem kurz vor der Rente stehenden Portier auf Fahrer von Geschäftsleitern, auf die Vorgesetzten selbst und eine ganze Reihe ihrer Mitarbeiter. Jede der handelnden Personen erzählt im Monolog einen Abschnitt aus ihrem Leben und hinterläßt den Eindruck, ihr ganzes Leben und sogar mehr erzählt zu haben auf dem Hintergrund der nicht verwirklichten Protagonisten. Die Sprache lebt von Idiomen und Klischees, die völlig der Absurdität der Handlungen entsprechen.

„Plazenta“ bringt eine andere Farbe in die bulgarische Prosa. Das Buch ist ein gelungener Versuch eines experimentierlustigen Autors und hebt sich somit ganz bestimmt von den vielen postmodernen und pseudo-postmodernen Texten ab, die die bulgarische Literaturlandschaft in den letzten Jahren prägen.

 

BLICK IN DIE UNSICHTBAREN ECKEN DES MENSCHEN

Prof. Sava Vassilev

In „Plazenta“ findet man einzelne Stücke Leben, die man auf die eine oder andere Weise mit sich selbst in Verbindung bringen kann. Emil Krastev hat das gewußt – er hat uns seine Episoden geschenkt, damit wir uns darin wiedererkennen und verstehen können. Es kann aber auch sein, daß wir nach dieser Begegnung die Flucht vor uns selbst ergreifen.

Er hat einen Aufbau gewählt, bei dem jedes Fragment uns zu einem Teil des Vorlesens macht – eine Metapher der ewigen Wahrheiten, die wir angeblich verteidigen, in der Tat aber für Gegebenheit halten und vergessen.

Die Poetik des Fragments setzt auf das offene Lesen. Auf die geheimen Beziehungen, für die jeder verantwortlich ist. Verlockend ist das Gefühl, daß das Ganze aus mehreren Teilen besteht. Mit anderen Worten, man kann allein das Modell zusammenbasteln. Der Einzelne ist also wichtig – eine Art Mitautor.

„Plazenta“ ist wie ein reißender Fluß, der viele Zuflüsse in sich vereint. In diesem Fluß gibt es Haupthelden, aber die anderen – die Nebenfiguren - scheinen wichtiger zu sein.

Das Buch kann ein Teil von einem größeren Ganzen sein, es kann aber auch selbst atmen. Manchmal schnell, rasend, manchmal gleichmäßig – je nach psychlogischem Zustand des Autors. Und des Protagonisten. Manchmal ist es sichtbar (vermeintlich) dialogisch, ein anderes Mal bevorzugt es die suggestive Wirkung und die philosophische Sicht – alles Wege, die den Leser in die tiefsten Abgründe des Menschen eintauchen lassen. Parallel dazu bleibt es im Dialog mit der Zeit – mit dem Geschehen hier und jetzt. So leben Soziales und Psychlogisches, Realistisches und Philosophisches konfliktlos in der Kapitänskajüte zusammen.

„Plazenta“ ist ein Buch vom heutigen Menschen, der klare Erinnerungen an die Vergangenheit hat. Und gute Vorsätze für die Zukunft. Er ist ein bißchen skeptisch, ein bißchen optimistisch, ein bißchen nostalgisch... Emil Krastev ist der Vater des Eis. Dem Leser bleibt die Hoffnung, daß er die Schale des Sinnes durchbrechen kann, um den Keim zu entdecken. Im richtigen Augenblick, zum richtigen Zeitpunkt.


EIN SCHRIFTSTELLER MIT EIGENEM STIL

Parusch Paruschev - Poet

Erschienen im Literarischen Jahrbuch „SVETA GORA“, 2009

Aus meiner bereits langjährigen Erfahrung in der Literatur weiß ich, daß ein eigener Schreibstil vor allem eine Frage der Moral ist, des richtigen Bezugs zu sich selbst und zum eigenem Werk. Die Moderscheinungen, die einen über kurze Zeit in einen bestimmten Talweg einbetten und dem Namen den entsprechend gefärbten Klang geben, sind an sich ein Verrat an der individuellen Natur. Seit Jahren verfolge ich den ungewöhnlichen und – ich würde auch sagen – den unaufdringlichen Weg von Emil Krastev in der Literatur, der ihn zum Erfolg seines letzten Buches „Kreislauf“ („Kragovrat“) führte. In diesem Fall könnte man das, was ich jetzt über das Buch sagen will (aber auch über den Autor selbst) in die traditionsreiche Rubrik „Der Lektor stellt vor“ oder in ihre Modifikation „Der Freund stellt vor“ aufnehmen. In meinen beiden Eigenschaften – als Freund und Lektor – konnte ich Emils Bemühungen unmittelbar verfolgen, sich in der Literatur nur seiner eigenen Vorstellung folgend zu verwirklichen, ohne Rücksicht zu nehmen auf die Meinung der Kritik von außen und darauf, in welche Schublade sie ihn zu den anderen Kandidaten für den literarischen Ruhm stecken würde.

In diesem Sinne möchte ich zuerst über die Person des Schriftstellers Emil Krastev sprechen, denn – wie bereits klar wurde – die ethische Persönlichkeit des Schriftstellers sublimiert in seinem Schreibstil. So sehr ich mich anstrenge, kann ich Emil nicht im ehemaligen Schriftstellercafé sehen, gemütlich mit anderen Artgenossen zusammensitzend und in vermeintlich lockeren Gesprächen Gedanken äußernd, die die nach literarischen Sensationen gierigen Kritik mit Nährstoff versorgen. Ich sehe ihn vielmehr für ein kurzes Gespräch auf der Straße stehenbleibend, um dann schnell seinen Weg weiterzugehen. Er schien einen ernsten Bezug zu Fragen der Umwelt zu haben und in seinen ersten Texten vereinigten sich Belletristik, Dokumentaristik, wissenschaftliches Herangehen. Er schien sich auch für die „reine“ Prosa nicht zu interessieren. Das war aber nur auf den ersten Blick so. Emil Krastev verwirklichte sich als Schriftsteller, aber auf seine eigene Art und Weise und dieser Hang zum Außenseiter war keineswegs Pose oder Unentschlossenheit. Er hat es eigentlich immer gewußt, daß der richtige Erfolg in der Literatur nur dann kommt, wenn man die eigene Einzigartigkeit erreicht hat. Im kurzen Vorwort zu „Kreislauf“, das (mit viel Selbstironie, vermute ich) nach Vorbild der Bibel „Offenbarung“ genannt ist, beginnt Emil mit den Worten: „Schriftsteller zu sein ist großartig!“ und teilt uns dann mit, daß „der Schriftsteller geboren ist, um einen Bestseller zu schreiben“ und nicht sterben wird, bevor er ihn nicht geschrieben hat, diesen Zeitpunkt aber immer wieder aufschieben wird, „damit der Schriftsteller länger leben kann“, obwohl er im inneren Fegefeuer brennt. Wenn wir dann im Buch weiterblättern, treffen wir auf Emo, der uns schelmisch aus einem Foto zuzwinkert, den Baseballcap mit dem Schrim nach hinten gesetzt. Da ich ihn einigermaßen gut kenne und nicht nur einmal die Leidenschaft gespürt habe, mit der an seinem Buch arbeitete, weiß ich, daß er seine Selbsterfüllung geahnt hatte. Und jetzt zu seinem Stil. Ins Buch, das er mir schenkte, hat Emo sichtlich gerührt geschrieben: „Für Parusch, den Freund, von dem ich zum ersten Mal über mein Buch hörte: „liest sich gut.“ Es geht hier aber nicht nur um die Lesbarkeit. Die Sätze, aus denen Emil Krastev seinen Text baut, sind klar und deutlich, der Text selbst biegt unerwartet in eine andere Richtung ab, als wolle er dem Gedankenfaden folgen, kommt manchmal zum logischen Aufbau zurück, aber eben nicht so oft.

Wenn man das aus dem Blickwinkel des Pseudo-Postmodernismus betrachtet, der in letzter Zeit viele Autoren unpersönlich machte, könnte man voreilig schließen, daß man es hier mit einer Prosa zu tun hat, die sich modern nennen will. Hier geht es aber gar nicht um erzwungene Modernität, sondern um Eindringen in jene psychischen Vorgänge, die den Menschen vorantreiben und seine Gesten und Handlungen bestimmen. Ich habe das Gefühl, daß Emil Krastev die Sprache fängt, die das Bewußtsein geschaffen hat, kurz bevor sie sich in die bewußte Rede verwandelt hat, die aus unserem Mund kommt. Genau diese Schicht bietet er uns an und suggeriert, wie psychisch sensibel das menschliche Individuum ist und von welchen ungeahnten Gedanken es zur einen oder anderen Handlung getrieben wird. Es ist kein Zufall, daß der Protagonist sich dem Leser vor seiner Geburt präsentiert und Mitgehörtes kommentiert, während er sich auf die äußere Welt vorbereitet. Bald gerät er ins riesige Gebäude eines Unternehmens von der Größe einer Stadt, einer Welt – absurd und unübersichtlich, weil es ein Kreislauf ist, bei dem der Weg zu einem Ziel nur auf den ersten Blick als Bewegung nach vorn erscheint, eigentlich ist es immer eine ironische Rückkehr zu den Anfängen. Der Autor hat auch sein Buch so komponiert, indem er die einzelnen Teile nach den Jahreszeiten benannt und mit dem Satz beendet hat „und schon wieder Winter-Frühling-Sommer...“. Dadurch baut er eine Metapher des menschlichen Daseins auf, in dem Leidenschaften und Ambitionen einfach lächerlich erscheinen. Letztendlich haben wir es mit einer vielschichtigen Prosa zu tun – als Text, aber auch als Vorhaben – die dem Leser eine gehörige Portion Anstrengung abverlangt.

Ich hoffe für dich, Emo, daß du dein Meisterwerk noch nicht geschrieben hast.