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Hallo, herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag?, ah, vergiß es, du weißt doch, an diesem Tag hab ich euch immer zu Hause versammelt, ihr habt Mädchen mitgebracht und alle haben getanzt, und an meinem zwanzigsten waren wir schon über dem Teich und ihr wart zu fünfzigst oder mehr eingetrudelt, aber in diesen südlichen Ländern ist es halt so, kaum ist man Freunden begegnet, und – wohin des Weges?, die sind schon richtig aufgeheitert – auf ´ne Fiesta, los, komm mit – und du versuchst nicht einmal, dich zu zieren – ich kenn ja das Geburtstagskind gar nicht..., sondern trommelst auch andere Kumpels zusammen, die nicht nur das Geburtstagskind nicht kennen, sondern auch deine Freunde zum ersten Mal zu Gesicht bekommen, und da ist kein Platz mehr in der Wohnung, die Neuankömmlinge mußten auf der Straße bleiben und brüllten von dort lauthals, der Rum sei alle, da eilte die Ärztin von oben zu Hilfe, sie hielt immer ein paar Flaschen eiserne Reserve und als die fünfzig den letzten Tropfen Coca-Cola aufgetrunken hatten, jammerten sie lautstark, die Hitze sei nicht zu ertragen, obwohl es mitten in der Nacht war, dann mußte ich die Ärmel hochkrempeln und Orangensaft pressen, die vier Kartons, die ganze Wochenration Orangen, die mein Vater besorgt hatte, waren bald leer, da wußte ich sofort, daß ich Ärger bekomme, aber immerhin wurde ich zwanzig und meine Geburtstagsgäste zählten über fünfzig, dabei kannte ich höchstens zehn von ihnen, dann waren wir eines Tages wieder zurück in der Heimat und wer weiß warum, hörte ich langsam auf, euch einzuladen, ihr habt euch auch immer seltener an jene Nacht erinnert, als ihr von der Straße gebrüllt habt, ich soll euch vom ausgegangenen Rum runterbringen und da fing ich an, mir einzureden, wen kümmert es denn, daß ich meinen Geburtstag nicht feiere, wozu brauch ich ja einen Geburtstag, habe ich überhaupt irgendwann meinen Geburtstag gefeiert?, sag ich doch, ein Tag wie jeder andere, am besten ich denke gar nicht daran – ich habe heute keinen Geburtstag, ich habe so selten Geburtstag, ich hatte niemals einen Geburtstag, wozu brauche ich denn einen Geburtstag, wenn nicht um die fünfzig Leute kommen, von denen ich nicht einmal zehn kenne, die aber von mir verlangen, daß ich ihnen Orangensaft presse, und nicht nur, daß ich keinen Geburtstag hatte, ich bin nie auf die Welt gekommen, du bist auch nie auf die Welt gekommen, er ist auch nicht auf die Welt gekommen, sie auch, ihr seid es auch nicht, keiner ist auf die Welt gekommen und wird es nicht tun, denn dann müßten alle ihre Geburtstage feiern, und was wäre das für ein Geburtstag, wenn man erst nicht auf die Welt gekommen war, wenn niemand auf die Welt gekommen war und niemand es tun wird, nun, ich muß jetzt auflegen, weil ich keinen Geburtstag habe und Orangensaft pressen muß...
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Hier stimmt etwas nicht, so schien es mir am Anfang, denn die ganze Nacht verbrachte ich in diesem Kämmerlein, über dem nur die Dachziegel sind und starrte in den Himmel, und am Tag saß ich im Portierstübchen, macht nichts, daß ich ein Holzbein habe. Es kommt einem eine verdammt schwierige Sache vor, das Stück Holz über die Treppe zu schleppen – man kann weder nach unten tauchen noch nach oben fliegen und man wird nie Glück haben in diesem Tag ein-Tag aus-Leben , aber langsam fängt man an, das Ziel des Ganzen zu begreifen und drückt die Daumen, daß die Professoren schneller die Pille entdecken, die uns das Leben der Meeresschildkröten bescheren würde. Irgendwann begreifst du, daß die Wissenschaft auf dem Holzweg ist und willst lauthals schreien - so einfach ist das!, vergiß aber nicht, immerhin sind es ganze dreißig Jahre, jede Nacht auf die Sterne starren. Eines Morgens, der Himmel hellte sich schon langsam auf, sagte ich mir - wenn es so nicht geht, dann eben anders und spürte sofort, wie zwischen den Zehen meines Holzfusses dünne Haut wächst wie bei einer Meeresschildkröte. Du weißt schon, ein Jahr vergeht, wenn sich die Erde ein Mal um die Sonne dreht, das sind also mehrere Millionen von Kilometern. Wenn wir die Erde ein bißchen weiter nach außen versetzen, dann wird sie, sagen wir mal, zwei Mal so viele Kilometer zurücklegen, mit anderen Worten, werden wir in einem Jahr doppelt so lange leben. Und wenn wir die Entfernung so vergrößern, daß sie drei Mal so viele Kilometer zurücklegt, werden wir dreimal so lang leben und so weiter. Dadurch erhöht sich doppelt und dreifach auch die Wahrscheinlichkeit, daß meine Prothese sich in einen Flügel oder eine Flosse verwandelt und so werde ich tauchen und fliegen können und wissen - hat man Zeit zu warten, dann kommt irgendwann auch das Glück. Jetzt wirst du fragen, wie wir die Erde verrücken können? Mach dir keine Sorgen, in diesem Gebäude gibt es bestimmt wenigstens noch einen wie mich, aber mit einem erfinderischen Geist, ich muß ihn nur auf den richtigen Gedanken bringen. So vielen Leuten macht dieses ewige Schleppen vom Erdgeschoß zum Dachboden und zurück das Leben schwer.